Divan der persischen Poesie
Divan der persischen Poesie

Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen.

Herausgegeben von Julius Hart.

1887 n.Chr.

Inhaltsverzeichnis

Divan der persischen Poesie

Sadi

Aus dem Bostan. Dritte Abteilung: Von der Liebe.

Der Bettler vor dem Gotteshause.

Ein Durst'ger sprach, als seine Sinne schwanden:
»Heil denen, die den Tod im Wasser fanden!«
»Was thut's, wenn du ja doch stirbst, sprach ein Thor,
Ob naß, ob trocken ist dein Mund zuvor?«
Er sprach: »So kann ich meinen Mund doch netzen,
Muß ich mein Leben auch zum Pfande setzen,«
Der Durst'ge stürzet gierig, weiß er gleich
Daß er ertrinkt, sich in den tiefen Teich,
Liebst du, du mußt des Freundes Schleppe fassen,
Und mußtest du ihm auch das Leben lassen.
Ins Paradies der Ruhe gehst du ein,
Durchschrittst du erst des Nichtseins Höllenpein,
Der Sä'nden Herz ist schwer von Müh und Sorgen;
Wie ruhig schlafen sie am Erntemorgen!
Der hat hier seines Sehnens Wunsch erreicht,
Dem man in jener Welt den Becher reicht.
Von reichen Armen, die den Pfad erwählet,
Von Fürsten, Bettlern wurde mir erzählet,
Daß einst ein Greis ging früh zum Betteln aus,
Und flehend rief vor einem Gotteshaus,
Da sagt ihm einer: »Hier wohnt niemand drinnen
Der dir was giebt, drum hebe dich von hinnen!«
»Wer ist's denn, fragt' er, dem das Haus gehört,
Daß mitleidslos er andrer Fleh'n nicht hört?«
»Halt' ein, rief jener, sündhaft sind die Worte,
Denn unser Herr ist Herr von diesem Orte.«
Als Leuchter dann und Kanzel er gesehn,
Blieb er aus heißem Herzen seufzend stehn:
»Ach! unrecht ist es, diesen Ort zu meiden!
Sollt' ich getäuscht von dieser Pforte scheiden?«
Ein ganzes Jahr, hör' ich, verweilt' er dort,
Hob flehend auf die Hände fort und fort,
Einst nachts glitt mit dem Fuße aus sein Leben,
Und es ergriff sein Herz der Schwäche Beben,
Als früh man leuchtete in sein Gesicht,
Erlosch der Morgenleuchte gleich sein Licht,
Doch freudig jauchzend rief er noch die Worte:
»Dem Klopfenden thut auf sich Gottes Pforte,«
Geduldig harrt, wer nie das Ziel vergißt:
Läßt sich's verdrießen je der Alchymist?
Wie vieles Gold macht er zu schwarzer Erde,
Daß ihm vielleicht einst Gold aus Kupfer werde!
Gold kann zum Kaufen ja doch gut nur sein,
Kauft man sich Bess'res als den Freund wohl ein?
Wenn ein Geliebter dir das Herz beschweret,
Du findest wieder, was dir Trost gewähret;
Sein Grollen trage nicht mit bitterm Mut,
Lösch' aus mit anderm Wasser seine Glut!
Doch hat an Schönheit er nicht seinesgleichen,
Um kleiner Qual darfst du nicht von ihm weichen.
Dein Herz kannst du von jemand ab nur ziehn,
Wenn du vermagst zu leben ohne ihn.
Die Nacht durchwacht' ein Frommer bis zu Ende,
Und hob zum Flehn am Morgen auf die Hände,
Da klingt in seinem Ohr ein leises Wort:
»Hör auf umsonst dich zu bemühn, geh' fort!
An dieser Pfort' erhört man nicht dein Flehen,
Geh' hin mit Schmach, mit Seufzen bleibe stehen!«
Die andre Nacht schläft er vor Beten nicht:
Ein Jünger, der sein Thun gewahret, spricht:
»Da du gesehn, daß hier das Thor verschlossen,
Bemüh' umsonst dich nicht so unverdrossen!«
Ein Strom von Thränen gleich Rubinen brach
Hervor auf seine Wangen, und er sprach:
»Mein Sohn, ob er den Zügel von mir wende,
Von seinem Gurt zieh ich nicht ab die Hände,
Ich würde hoffnungslos dann fort nur gehn
Von hier, könnt' einen andern Weg ich sehn.
Schließt sich ein Thor nicht auf des Bettlers Worten,
Ihn kümmert's nicht, kennt er noch andre Pforten:
Geht mein Weg nicht durch diese Straßen hin,
Ich kann ja eine andre doch nicht ziehn.«
So beugt ergebungsvoll das Haupt er nieder,
Da tönt in seiner Seele Ohr es wieder:
»Er ist erhört, hat er Verdienst auch nicht,
Da ohn' uns jede Zuflucht ihm gebricht.«

Karl Heinrich Graf

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